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“red shoes – grüngras”

einführung von prof. dr.-ing. albert schmid-kirsch, architekt(bda)

wenn etwas zusammenpassen kann, dann das holz-lager der fagus-werke und die holz-arbeiten von franz betz. es hat sich also gut gefunden, dass wir heute hier red shoes und grüngras zu sehen bekommen.
architektur und skulptur sind im gegensatz zum flächigen bild/gemälde dreidimensional. sie sind mit einem blick in der regel nicht zu erfassen. über material, proportionen und ihre unterschiedliche wirkung bei wechselndem licht sind sie verwandt. diese gegenseitige beeinflussung wird im moment in der sehenswerten ausstellung archiskulptur: (dialoge zwischen architektur und plastik vom 18. jahrhundert bis heute) im kunstmuseum wolfsburg thematisiert.

zum künstler des heutigen abends:

franz betz hat 1991 sein diplom in architektur gemacht/erworben/abgelegt. das mühsame geschäft, hochfliegende bauherrenträume mit wenig geld erfüllen zu sollen, hat ihn in der folge nicht wirklich gereizt.
gleichwohl macht so ein studium mit räumlichen konzepten und der lösung von darstellungsproblemen vertraut. selbstverständlich spielt material in der architektur eine große rolle. in der edv war er seinen kommilitonen um längen voraus.
eine vollständige darstellung seiner vita ist nicht erforderlich, da sie diese auf seiner homepage http://www.franzbetz.de nachsehen können. es lohnt sich, diese frische homepage zu besuchen, die – weil von ihm selbst gestaltet – natürlich auch von seinen gestaltungsabsichten berichtet.
bereits vor dem diplom beginnt er mit ersten freien arbeiten vor allem in der computeranimation. seine diplomarbeit bei herbert lindinger (messebausystem mit wellpappe) beschäftigt sich mehr mit design, dem material und wieder mit cad-animation. das bestimmende material ist wellpappe/wellboard, ein holzprodukt, das kernbestandteil seiner firma “well – ausstellungssysteme“ wird.
das material holz
er entdeckt das material holz für sich. er bearbeitet alte, gelagerte hölzer, sucht in kantig und rechtwinklig geschnittenen balken/bauholz nach darin schlummernden formen, die er mit kettensäge und motorfeile freilegt und spürt der wirkung frisch geschlagener hölzer nach. es entstehen mit den holzskulpturen c, k, r erste werkreihen.
er sägt und feilt sich durch viele hölzer: apfel, buche, kirsche, zwetschge. fährt für ein gutes stück robinie auch mal nach holland. neben material und form spielt die oberfläche eine zentrale rolle. wer behält im gestaltungsprozess die oberhand? das material holz mit seinen jahresringen oder der künstler mit seinen bearbeitungsspuren. arbeitet er mit ihnen oder gegen sie? welche rolle spielt die farbe? deckt sie zu oder kann sie vorhandenes betonen und zum vorschein bringen? man kann darüber lange nachdenken. franz betz als mann der tat probiert es aus und lässt es uns miterleben.

übersetzung in metall
er leistet sich ausflüge in aluminium und bronze. es entstehen plastiken von hoher formaler und materieller dichte und ausdruckskraft, als übersetzungen der im holz gefundenen formen in metall. in ihrer prägnanz sind sie in der lage, einem “oscar“ konkurrenz zu machen.
zwischenspiel: lines, skulpturenalphabet, lichtskulpturen,
im alltagsgeschäft hat franz betz viel mit schrift zu tun. er nimmt es als anlass, schrift für sich neu zu erfinden. er denkt sich zurück vor die erfindung der schrift und interpretiert sie als spiel mit linien neu. er sieht schrift als ausgangspunkt menschlicher kunst. die linie kann mit dem stift gezeichnet werden. einem computer kann man komplizierte linien über den scanner oder zeichenprogramme, die splines und nurbs beherrschen, so beibringen, dass sie beliebig oft wiederholt und geplottet werden können. ich habe bewusst nicht das wort drucken benutzt, denn franz betz holt sich zum schreiben seiner lines einen der fast ausgestorbenen stiftplotter, die in kombinierter bewegung von stift und papier mit geräusch und viel wind die linien auf das papier schreiben oder kratzen. der plot-vorgang erinnert an roboter und ist doch noch der vorgang, mit einem stift, farbe aufs papier zu bringen. timm ulrichs hat einmal einen kugelschreiber eingerahmt und darunter geschrieben: datenspeicher.
franz betz ist ein grenzgänger zwischen der analogen und digitalen welt.
nachdem er die 26 buchstaben seines linienalphabets beendet hat, drängt es ihn wieder aus der papier-ebene in den raum. diesmal ist es nicht das reich des holzwurms. er gießt die linien seiner buchstaben in das glas von neonröhren. das linienalphabet wird zum skulpturenalphabet. ausgeführt in neonröhren entstehen die lichtskulpturen. sie erinnern ein wenig an neon-bilder von bruce naumann, bleiben aber mehr im abstrakten.

wo aber bleibt das holz? holz-köpfe
2004 startet er eine weitere werkserie, die köpfe. diesmal entdeckt er das holz in scheiben, im querschnitt gewissermaßen. wieder spielen und streiten die linien im holz, die jahresringe mit den narben und furchen der bearbeitung. der umriss, die silhouette wird jetzt zur hauptdarstellerin. der gleiche kopf kann sich verwandeln, kann mensch, kann tier sein. hier zeigt sich eine stärke, die franz betz von anderen unterscheidet: der holzfäller würde den klotz weiter zerkleinern, bis er handlich in den ofen passt. der herrgottsschnitzer (oder auch schuhleistendreher) würde hier erst mit der arbeit beginnen. franz betz hält diese spannung zwischen dem nicht mehr zufälligen, behauenen klotz und dem nicht fertig bearbeiteten handschmeichler. nein, er hält sie nicht nur, er erzeugt sie. und er lässt uns einen weiten spielraum für unsere interpretation, für unsere phantasie.

lines to go, neon meets holz
zur ligna 2005 in hannover entwickelt er für die messe ag einen kunstleitfaden, die “lines to go“. zehn aussteller präsentieren seine für diesen zweck entwickelten holz-licht-skulpturen. die aussteller treten als sponsoren für dieses projekt auf, darunter die fagus-grecon greten gmbh & co. kg.
aus dieser zusammenarbeit mit den fagus-werken entsteht die idee einer ausstellung seiner holzarbeiten hier im ehemaligen holzlager in alfeld. franz betz wäre nicht franz betz, wenn ihm nicht anlässlich einer vorbesichtigung beim anblick der buchenrohlinge neue ideen durch den kopf geschossen wären.
was wird wohl aus einer holzplastik, klein genug, um in eine schuhleistenfräse zu passen, wenn sie von diesen fräsen kopiert wird? die ausgangsskulptur war ein verschnitt aus einer arbeit für einen drachenbootpokal und einem schuh. so entstehen die
red shoes
figuren, gestalten von ursprünglicher kraft. weit entfernt vom rohling, weit entfernt vom fertigen schuhleisten. woran liegt’s. ist es die assoziation eines weiblichen torsos? kraftvoll wie die venus von willendorf, eine vorgeschichtliche weibliche kalkstein-figur aus der wachau. sind es die fräsgrate, die erhabenen linien, die den körper umrunden wie die falten eines um den körper geschlagenen tuches? ist es die farbe rot, die auch die venus von willendorf schmückte?.
diese farbe kommt nicht von ungefähr. franz betz hat sie vor monaten (jahren) im harz erworben. bisher hatte sie nicht den richtigen farbgrund gefunden. an diesem holz fühlt sie sich offensichtlich zu hause.
nebenbei bemerkt, auch das gehört dazu (zur kunst ebenso wie zur wissenschaft): wissen und material sammeln, ohne sofort den verwendungszweck zu kennen!

die nächste inspiration vor ort: grüngras
fasziniert ist franz betz – selbst leidenschaftlicher freizeitkicker – auch von den keilzinken, für deren herstellung hier in alfeld die werkzeuge, die maschinen produziert werden. hier hat sich in den geschäftsfeldern der fagus-grecon greten gmbh & co. kg offenbar der bereich stanzmesser gegen den bereich schuhleisten durchgesetzt.
über die assoziation gras entsteht der gedanke an “entscheidende momente im rasensport“. ob fußball oder hockey, tennis oder golf, – franz betz sucht nach den spuren entscheidender situationen im spiel auf dem rasen und stellt sich die frage: “kann man erinnerung daran auf einen punkt komprimieren?“ gibt es abdrücke von situationen im boden, im gras, die – wenn konserviert – beim betrachten das ereignis selbst wieder evozieren.
zunächst zeigt er die lineare, geordnete struktur der keilzinken, die uns gewöhnlich nach der verleimung verborgen bleibt. nur in schnittflächen können wir sie gelegentlich wahrnehmen. franz betz hinterlässt wie das zu erinnernde ereignis seine spuren im gras mit groben hieben. lässt der abdruck auf das werkzeug, die ursache schließen? unser kriminalistischer spürsinn wird angeregt. wer war’s, was war hier los? störung, zerstörung hat noch immer das bürgerliche gemüt gestört.

red shoes – grüngras ist die fortsetzung seiner auseinandersetzung mit den themen material, farben, oberflächen und linien auf oberflächen. franz betz spielt mit formen, schafft neue strukturen und verweist dabei auf die besondere ästhetik von arbeitsspuren.
er bleibt als künstler stets zwischen dem unbearbeiteten material-rohling und dem glatten, fertigen gegenstand. er zeigt die richtung, weist den weg, zeigt neue wege, aber lässt spielraum für eigene interpretationen. er drückt dem material seinen stempel auf, lässt das material jedoch mitbestimmen.
mit seinen arbeiten erlaubt er uns an seinem stets neuen blick auf bekanntes teilzuhaben und macht uns mut, selbst bekanntes neu zu sehen. denn das ist eine der zentralen leistungen der kunst: die augen zu öffnen. wir dürfen noch einiges von ihm erwarten, doch jetzt können wir erst mal die hier ausgestellten arbeiten genießen.
bei allen versuchen nach deutungen und aller suche nach gründen, sollte man nie vergessen, das werk einfach so zu betrachten, wie es ist: ein stück materie, bemalt oder nicht.
lassen sie es einfach auf sich wirken. wenn es eine angenehme wirkung auslöst, können sie auf begründung und deutung getrost verzichten.

der ort hier: die fagus-werke in alfeld
angesichts der ausgezeichneten darstellung zur geschichte in den geschossen über uns verbietet es sich, über die bauten hier lange worte zu verlieren. wer tiefer einsteigen will, dem empfehle ich die neben der ausstellung die beiden – hier erhältlichen bände:von meinem ehemaligen architekten- und professoren-kollegen im fachbereich architektur helmut weber: “walter gropius und das faguswerk“ aus dem jahre 1961 und von annemarie jaeggi, direktorin des bauhaus-archivs in berlin: “fagus, industriekultur zwischen werkbund und bauhaus“ die architektur von walter gropius und adolf meyer weber weist vor allem darauf hin, dass gestaltungs- und proportionsfragen bei den von gropius und meyer gestalteten bauteilen dominant waren. beispiele dafür sind:
– die geböschten pfeiler der beiden fassaden des hauptgebäudes zur erzielung eines dramatischeren schattenwurfs.
– die unterschiedlich stark ausgebildeten vertikalen und horizontalen fenstersprossen der hauptfassade um leichtigkeit zu erreichen.
– unterschiedliche fenstermasse sowohl in der vertikalgliederung, als auch abweichende (= zunehmende) scheibenbreiten in den entmaterialisierten ecken.
– am vorbau des haupteingangs variiert die anzahl der ziegelschichten zwischen den eingezogenen, gliedernden horizontalschichten zwischen 14 und 16.
– die treppe in der ecke am haupteingang ist kunstvoll verzogen und gewinnt dadurch nahezu einen organischen ausdruck.
bewusste gestaltung auch der einzelteile im hinblick auf die optische wirkung des ganzen war wesentlicher entwurfsbestandteil. es handelt sich beim hauptgebäude also mitnichten um einen stumpfen rasterbau, der industriell gefertigte gleich große einzelelemente solange addiert, bis die benötigten abmessungen erreicht sind. diesen fehler haben erst zahllose phantasielose nachfolger und nachahmer begangen.
ebenso wichtig war die materialauswahl. beispiel sockel. unter härtestem wirtschaftlichem druck wurden helle ziegel 3.wahl für das mauerwerk und dunkle ziegel 4.wahl (ausschuss) für den sockel verwendet. durch diesen farbkontrast und das vorspringen des sockels um 4cm in verbindung mit den unterbrechungen der kellerfenster scheint der baukörper nur aufgelegt und leicht zu schweben.

der unternehmer: carl benscheidt
nicht zu unterschätzen ist die rolle des weltoffenen und gebildeten unternehmers, carl benscheidt als bauherrn. ohne sein bedürfnis nach besserer gestaltung wäre dieses gesamtkunstwerk, das auf dem wege ist, als weltkulturerbe eingestuft zu werden, nicht entstanden. wie am zustand der anlage zu sehen, tragen seine “erben“ diese auffassung weiter.

vielen dank für ihre aufmerksamkeit

prof. dr.-ing. albert schmid-kirsch, architekt(bda)
universität hannover,
fakultät architektur und landschaft
abteilung architekturinformatik und darstellung


anlässlich der ausstellung “red shoes – grüngras”,
holzskulpturen von franz betz, 5. mai bis 5. juni 2006, im fagus-werk, alfeld/leine auf einer von insgesamt 11 etagen des neuen museums im ehemaligen schuhleistenlager
ausstellungseröffnung: 4. mai 2006, 19 uhr