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„wo“

christine behler

Der Interviewer im Radio fragte sie, was hörst Du am liebsten, wenn Du im Alltag Radio hörst?

„Meine Kinder lachen mich aus, aber ich höre am liebsten die Verkehrsnachrichten. Ich höre die Staumeldungen, wo abends das Konzert von Phil Collins stattfindet, Städte-oder Straßennamen. Dann stillt das ein bisschen mein Heimweh.“

Die junge Amerikanerin hatte drei Jahre in Deutschland gelebt und nun, zurück in den Staaten, hat sie sich darum gekümmert, Radiosendungen aus Deutschland via Internet zu empfangen zu können. Mit den Verkehrsnachrichten ging sie in Gedanken manche Straße noch einmal ab, wusste wieder, wo ihre Lieblingskneipe steht und wo der Fahrradweg zum Sportpark entlang führt.

Wo ich lebe, wo ich herkomme, wo meine wirkliche Heimat ist und wo ich lange nicht mehr war, das erinnern wir so dann und wann. Manchmal muss das Wörtchen wo weit weg geschoben werden. Denn wenn ich ehrlich beantworten sollte, wo mein Platz im Leben ist, dann würde ich vielleicht fest stellen, dass er nicht dort ist, wo ich jetzt lebe. Und vielleicht hat mich von je her irgendetwas davon abgehalten, an dem Ort zu wohnen, der meinem Wesen und meinen Träumen entspricht.

Mit der Frage nach dem Wo blickt der Mensch zurück auf Lebensstationen. Ja, da stand der kleine rote Kaugummiapparat, um die nächste Hausecke herum. Und da haben wir uns zum ersten Mal ganz vorsichtig geküsst. Hier steht noch die Trauerweide, die bei Spaziergängen stets mein Anlaufpunkt war. Ihr habe ich von mir erzählt. Es sind Erinnerungen an Orte, die sich geheimnisvoll zu inneren Landschaften entwickelt haben.

Hinter dem Wo kann ein großes Fragezeichen stehen. Wo soll das nur hinführen, wenn er mich weiterhin mit Vorhaltungen belagert und kein gutes Haar mehr an mir lässt? Wo ist der kleine Raum ganz für mich allein, mit meinem roten Ohrensessel und der Musik, die ich am liebsten höre?

Wo werde ich leben wollen, wenn ich älter werde? Und wirklich noch mit diesem Mann oder dieser Frau an meiner Seite?

Bei der Frage nach dem Wo sind oft ehrliche Bilanzen von Nöten. Wer aufhört sie zu ziehen, kann in einer Sackgasse landen und erstarren wie eine Schildkröte im Winter.

Es gibt Orte, an die der Mensch unfreiwillig geführt wird. Eine Grenze tut sich auf. Es schmerzt, an der Stelle nicht weiter zu kommen. Mir zugefügte Verwundungen stecken für die Zukunft Grenzen ab. Da darf ich nicht lang gehen, sonst erhole ich mich nicht mehr von den Schmerzen.

Wo habe ich selbst Grenzen gezogen, die mich am Leben hindern? Komm, reiß die Pfeiler aus und gehe in noch unbekanntes Land. Du wirst ins Staunen kommen!

Und nun noch diese eine Frage, die Menschen umtreibt, seit sie ins Licht gestoßen worden sind. Wo geht es hin am Ende der Zeit auf Erden? Die Antwort hängt davon ab, an welchem Ort sie gestellt wird. Wer mit Freunden bei einem guten Glas Wein zusammen sitzt, kann phantasievoll ins Philosophische abgleiten. Wer eine Liebe verliert, fragt sich, ob es im Jenseits eine neue Begegnung auf einer lichten Blumenwiese gibt.

Wer im Leben nach manchem Wo gefragt hat, wird sich unweigerlich mit dem Wohin beschäftigen. Kommt eine rot-weiß markierte Grenze oder ein wie ein von selbst aufgehendes Tor, hinter dem es nach Jasmin riecht?

Wo möchtest Du hin, Menschenkind?

Höre nicht auf dich zu fragen.

Und suche nach den Menschen, die so neugierig sind wie du.

Christine Behler, November 2010

einführung zur ausstellung „wo“ in der galerie j3fm
https://franzbetz.wordpress.com/2010/11/22/wo-fotos-von-andreas-maxbauer/

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