“vakuum. ein- und ausatmen.”

essay von peter rautmann

Ein – und Ausatmen, Luft einatmen und wieder ausstoßen, Konzentration nach innen und nach außen, Fülle und Leere, Körper und Geist: unser Leben besteht aus dieser Bipolarität; wenn wir Nachdenken, wenn wir zur Ruhe kommen, denken wir auch über diese beiden Pole nach und wie sie als Einheit zu begreifen sind, um unser Leben eine Mitte zu geben.
Die Luft brauchen wir zum Leben, aber wir brauchen sie immer wieder neu und als neue – Einatmen, Ausatmen. Der Genesis zur Folge blies Gottvater Adam, dem Erdenklos, seinen Odem ein und siehe, diese Masse geformten Lehms begann zu leben: Materie und Geist gehören zusammen.


Fülle und Leere: Wir brauchen den Raum der Leere, um ausatmen zu können, einen Raum des Denkens, des Vorstellens, der Imagination zu haben, und wir brauchen den Raum der Fülle, der Raum, in dem alles – Dinge, Parolen, Informationen, Menschen – überbordet, dicht an dicht die unterschiedlichsten Eindrücke auf den einzelnen einprasseln. Die Stadt ist so ein Raum, der uns beständig eine Fülle von Eindrücken beschert, die sich festhaken, aber auch das Vorübergehende, das Flüchtige, das Nicht- Festzuhaltende ist damit verbunden. Und in den eigenen vier Wänden geht es weiter, Telefon, Fernsehen, Internet.- Stetig steigen die Möglichkeiten weltweiter Vernetzung, Kommunikation, und zwar ohne zeitliche Verzögerung, wie sie im vorelektronischen Zeitalter selbstverständlich war und eine Pause, einen Raum des Nachdenkens ermöglichte – kommen wir nach? Zwischen 25 und 35 Prozent der Deutschen leiden unter Stress, wie kürzlich eine Untersuchung belegte. Nicht befremdlich ist da, dass das Bedürfnis nach Ruhe, nach Freiraum zunimmt.

Auch die Kunst hat den Raum der Leere, das Nichts für sich entdeckt. Berühmt wurde der Vortrag von John Cage “Über das Nichts“, in dem er bekennt, dem Nichts einen Raum geben zu wollen; aber das könne nur geschehen, indem er weiter rede. In diesem Paradox trifft sich wieder die Bipolarität unserer Existenz, der der amerikanische Künstler Robert Rauschenberg in einem seiner Combinepaintings zur Anschauung verhilft, wenn er ein Bildobjekt zeigt, Pink Door von 1954, das aus zwei längsrechteckigen alten Türrahmen besteht, deren einer über und über beklebt ist mit Collagefragmenten aus Zeitungsresten, alten Stoffen, Pappen und bemalt mit roter Farbe, während der andere nur eine umrahmte Leere zeigt; man sieht hier nichts als die weiß gestrichene Wand des Ausstellungsraums.-

Die Gegenüberstellung von Fülle und Leere, diesseitigem sinnenfrohern Preis des Lebens und asketischer Strenge und Meditation ist ein überhistorisches Thema der Kunst. So entwerfen beispielsweise Gartenarchitekten im Barock nach streng architektonischen Maßstäben aus Pflanzen gestaltete Parkräume der Fülle und der Leere, Labyrinthe und buschgerahmte, freie Gehege; aber auch die Gestalter des bürgerlichen Landschaftsgartens formen ihre Parkanlagen nach verwandten Prinzipien, die allerdings der flanierende Bürger oder die Bürgerin auf Spaziergängen selbst zu entdecken haben. Auf diesen Gängen wechselnden Empfindungen ausgesetzt, wird er/sie zurückgeführt zu der Grunderfahrung des Lebens: Ein- und Ausatmen.

Während bereits Philosophen der Antike, beispielsweise Demokrit, die absolute Leere im Vakuum als Vorstellung und Gedankenkonstrukt entwerfen (wogegen sich Aristoteles und Platon wehren, in der Abwehr des Gedankens an das Nichts, der Abneigung der Natur vor der Leere, dem horror vacui), nähern sich die Naturwissenschaftler dem Vakuum und stellen es, wie Otto von Guericke, in Experimenten her. Berühmt wurde dieser 1657 mit seinen beiden Magdeburger Halbkugeln, die er zusammenfügte durch bloßen Entzug der Luft, so dass durch den entstehenden Außendruck die beiden Halbkugeln auch nicht von zwei Pferdegespannen getrennt werden konnten.

Auch im 18. und 19. Jahrhundert werden solche Experimente öffentlich zelebriert. Spektakulär das Experiment mit einem Glaskolben, in dem eine Taube sitzt: Der Entzug an Luft und die Erzeugung eines Vakuums raubt ihr die Möglichkeit zum Atmen, wie der aufgeklärte Wissenschaftler weiß und wie die beiwohnenden Kinder mit Schrecken erfahren. Die Demonstration dient auch, vom Künstler im Bilde festgehalten, der Demonstration der Einheit von Kunst und Wissenschaft.

Das Vakuum ermöglicht kein Leben, aber es fixiert das Objekt im Augenblick der Bildung des Vakuums; das eingeschweißte Lebewesen überlebt zwar nicht, aber wird konserviert in alle Ewigkeit. Prosaischer: Das Stück Lebensmittel wird, eingebettet in das Vakuum, bewahrt vor der Verwesung. Die Objektarbeiten von Sabine Pinkepank spielen mit solcher Assoziation – die anonymen Objekte werden zur Schau gestellt, mit roten Klebstreifen zusätzlich fixiert –medizinisches Phänomen oder kriminalistisches Beweisstück auf den ersten Blick, auf den zweiten und ferneren Blick, das alles hinter sich lassend, Hinweis auf ein fremdes, rätselhaftes Leben.
In den Objekten von Franz Betz wird ein anderer Zusammenhang thematisiert. Es handelt sich um Lichtschleifen in Drahtkäfigen, die er Container nennt. Die Lichtschleifen sind frei gebogene LED-Schläuche und kontrastieren zur rasterartigen Vergitterung der Kästen, die an geometrische Vermessung erinnern, denkt man beispielsweise an das Netz der senkrechten und waagrechten Meridiane, die um den Globus gespannt sind und die bei der Navigation eine genaue Bestimmung des Standortes von Schiffen ermöglichen. Die spontan gesetzten Lichtstreifen in ihrer festgehaltenen Freiheit der Bewegung entziehen sich der quantitativen Messung des Gitters. Statt Fülle und Leere werden wir hier mit dem Gegensatz von Freiheit und Gesetz konfrontiert – wiederum eine gegenseitige Bipolarität, denn auch Freiheit beruht auf einen Regelkanon.
Der Zusammenhang von Licht und Vakuum ist ein altes Thema der Physik: Kann sich Licht im leeren Raum ausbreiten oder braucht es dazu ein Medium, eine Materie, Äther genannt. Lange war man der Meinung, Licht könne sich nur in einem solcherart gefüllten Raum ausbreiten, bis durch die spezielle Relativitätstheorie Einsteins von 1905 der Äther als notwendiges Medium sich gleichsam verflüchtigte. Wir wissen heute: Licht kann sich im leeren Raum ausbreiten, wie der Weltraum mit seinen Milliarden von Sternen uns täglich, besser nächtens zeigt. Allerdings: Auch dem Weltraum mangelt es an dem absoluten Vakuum der Philosophen, Spurenelemente von Molekülen schwirren auch in ihm noch umher.

Mit Licht schreiben hat aber auch aus einem zweiten Grund die Phantasie der Künstler beflügelt: War man mit dem Licht nicht dem groben, materiellen Werkzeug des Pinsels und der Farbe endlich entronnen, war ein Arbeiten mit Licht nicht gleichsam ein Arbeiten mit dem Unsichtbaren, dem Nichts, dem Geheimnisvollen; war man damit nicht auf der Höhe der Zeit und hatte man nicht einen unmittelbaren Zugang zur Welt des Geistigen? Die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts teilten solche Euphorie, wie wir beispielsweise bei dem Bauhausmeister Moholy-Nagy und seinen Lichtobjekten sehen oder den Photogrammen von El Lissitzky, in denen auf präparierten Fotopapier die darauf gelegten Objekte als Leerformen in ihren bloßen Umrissen geheimnisvoll und verfremdet erscheinen. Parallel dazu verlief die Entdeckung der Röntgenstrahlen, die, selbst unsichtbar, nur in ihren Wirkungen erlebbar wurden. Unsichtbar durchdrangen sie den Körper eines Menschen und wieder wie von Geisterhand wurde das Skelett des Durchleuchteten sichtbar. Sollte so auch das Geistige, die Seele erfassbar werden?

Nun – trotz allen Fortschritts der Neurowissenschaften – , die Künste suchen immer wieder neu nach dem Geistigen und dem Zusammenhang von Geist und Materie und werden wohl auch nicht aufhören, dies zu tun. Das Vakuum verweist auf das ganz andere, das Unvertraute, das Licht wirft seinen Schein darauf. Für die Künste bleibt das Vakuum eine Metapher des Nichts. Zugleich verweist die Leere, das Vakuum auf die Fülle. Ein- und Ausatmen gehören zusammen, nur darin haben wir das Leben.

einführungstext von prof. dr. rautmann
für den Katalog zur ausstellung “vakuum – von ausdehnung bis leere” von Franz Betz und Sabine Pinkepank, 18.5.2009


Prof. Dr. Peter Rautmann
Studium der Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Mainz, der Kunsterziehung und Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Kassel, der Kunstgeschichte, Archäologie und
Philosophie an der Universität Hamburg mit dem Abschluss der Promotion.
Seit 1979 Professor für Theorie und Geschichte ästhetischer Praxis/
Kunstwissenschaft an der Hochschule für Künste Bremen, seit 2000 Konrektor, von 2002 – 2008 Rektor der Hochschule.

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