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Der Lichtkünstler Franz Betz
von Peter Rautmann

Franz Betz zeichnet, malt, bildhauert mit Licht. Natürlich war Licht schon immer als Motiv in der zweitausendjährigen Geschichte der europäischen Kunst von Bedeutung, aber eine neue Qualität entsteht, als künstliches Licht, vor allem das elektrische Licht, seinen Siegeszug in der Beleuchtung des privaten wie öffentlichen Raums antritt. Bereits die Weltausstellung von 1900 in Paris gab sich als Lichterfest mit prächtigen Illuminationen, Paris wird zur Stadt des Lichts. In den europäischen Großstädten wie Paris, London oder Berlin, aber auch in New York begann mit den Lichtreklamen die Nacht zum Tage zu werden, auch in bedrohlicher Weise. Die im 1. Weltkrieg zum Schutz vor Fliegerangriffen entwickelten starken Flakscheinwerfer suchten des nachts den Himmel über den Großstädten ab, ehe sie der NS-Architekt Albert Speer für seine nächtlichen Lichtdome beispielsweise im Olympiastadion 1936 in Berlin entdeckte. Heute sind die Häuserfassaden gänzlich hinter den animierten Leuchtwänden der großen Straßen und Plätze, wie auf dem Piccadilly Square in London oder auf dem Times Square in New York verschwunden.

Auch die Kunst entdeckt die Möglichkeiten des künstlichen Lichts. Derjenige, der mit als Erster das Licht als Material für die Kunst wahrnahm, war der aus Ungarn stammende Bauhaus-Meister László Maholy-Nagy. Als Lichtmedium war ihm natürlich der Film wichtig, über das er ein Bauhaus-Buch herausgab; er experimentierte aber auch mit den Möglichkeiten des Photogramms, Alltägliches in geheimnisvolle Hell-Dunkel-Dingwelten zu verwandeln. Mit seinem „Lichtrequisit“ von 1930, einer mobilen Konstruktion aus Metallscheibenformen, undurchlässig oder perforiert, und rechteckigen Drahtgerüsten, aufgestellt in leeren Räumen, gelang ihm ein sich stetig veränderndes Lichtspiel, in dem das Licht – und die Schatten – die entscheidende Rolle spielt: Das Licht wird zum Akteur. Und wenn die nächtlichen Plätze der Großstädte von den Lichtreklamen verwandelt werden, kann eine sich einmischende Kunst nicht auf Darstellungsmöglichkeiten an solchen öffentlichen Orten verzichten, wie es die amerikanische Künstlerin Jenny Holzer zeigt, wenn sie den Werbetexten und -bildern verfremdende der Kunst entgegensetzt, die uns zum Nachdenken anregen sollen, wie beispielsweise ihre Aphorismen („truisms“), die sie 1982 auf eine LED Leuchttafel des Times Square projizierte.

Franz Betz nennt sich selbst Lichtbildhauer. Traditionell stellen wir uns unter einem Bildhauer jemanden vor, der mit Hammer und Meißel, vielleicht auch mit einer Schleifmaschine oder Kettensäge hantiert, je nachdem, ob Stein oder Holz sein Material ist. Arbeitet man mit Licht, hat die anscheinend paradoxe Bezeichnung „Lichtbildhauer“ dennoch einen prägnanten Sinn, geht es ihm doch in seinen Arbeiten mit Licht nicht um flache, zweidimensionale künstlerische Produkte, sondern um dreidimensionale, auf Körpervolumen oder Raumambiente abzielende Arbeiten.

An der Grenze zwischen zwei- und dreidimensionalen Werken sind seine Lichtkästen angesiedelt, deren Vorderseite in leuchtenden, abstrakt-geometrischen Farbfeldern mit  hoher Lichtintensität erstrahlen – wie es früher die farbigen Fenster der Kathedralen taten,  nun aber ohne religiöse Botschaft, in klaren Formen und großer Heiterkeit. Vorreiter einer solchen ästhetischen Verwendung von Lichtkästen ist der kanadische Künstler Jeff Wall, der von Lichtkästen mit Werbebotschaften im öffentlichen Räumen unserer Großstädte ausging, seinerseits diese aber für alternative Themen, beispielsweise über die indigene Bevölkerung Amerikas, nutzte. In Betz‘ Lichtkästen erstrahlen mehrperspektivische Räume von großer Tiefe, abstrakte, von Menschen gesetzte, freie Ordnungen.

Auch einem mit der Minimal Art in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts bekannt gewordenem Lichtkünstler wie dem Amerikaner Dan Flavin ging es um Lichträume. Flavin arbeitete noch mit starren Leuchtstoffröhren, die er rechtwinklig zusammenstellte, vor allem in die Raumwinkel leerer Räume, diese mit Licht akzentuierend, so dass ihr Licht sich in den Kanten sammelte und ein wunderbares Raumlicht abstrahlte. Solche gebündelte Röhren mit weißem Licht verwendet Betz in leeren, White-Cube-Räumen, aber auch solchen, die nicht leergeräumt sind, sondern noch ihren funktionalen Charakter, z.B. Abstellräume, bewahren.

Mit der neuesten LED-Technik haben sich Leuchtröhren entwickelt, die quasi beweglich geworden sind zu Lichtschläuchen, die frei beweglich sich im Raum führen, tragen lassen. Das starre Kastensystem einer vorgestanzten Form ist der Beweglichkeit einer Handschrift gewichen. So ist es nicht verwunderlich, vielmehr konsequent, wenn Franz Betz analog zu der Grundlage europäischer Schrift, dem Alphabet, ein solches Vokabular des Lichts gestaltet: das Alphabetz. Seine 26 Leuchtbuchstaben sind die Bausteine einer Sprache, die ihr Geheimnis (noch) bewahrt haben, wie einstens die Hieroglyphen Ägyptens, ehe es dem Franzosen Jean-François Champollion gelang, sie zu entziffern. Und wir Augenmenschen des 21. Jahrhunderts werden durch stete Übung auch bald in der Lage sein, das Betz‘sche Alphabet zu entziffern. Gelegenheit hierzu hatten die Hannoveraner bereits: Ein Buchstabe erleuchtete für Monate das städtische Wahrzeichen Hannovers – die  große, öffentliche Uhr am Kröpcke in der Vorweihnachtszeit 2012. Ihr gläsernes Gehäuse zeigte kein Pendel, sondern ein leuchtendes Schriftzeichen, welches den Mittelpunkt der Stadt markierte.

Die Beweglichkeit der Lichtschläuche kann auch in reale Bewegung überführt werden, so wenn die kürzlich verstorbene Performance-Künstlerin Ursula Wagner bei einem mit Franz Betz konzipierten Lichttanz-Projekt in der Marktkirche Hannover eine Performance aufführte, die der Bedeutung des sakralen, ansonsten dunklen Raums mit abstrakten Gesten und Bewegungen nachspürte. Die Gesten aus Licht verdichteten sich von Zeit zu Zeit zu lesbaren Zeichen in der christlichen Tradition – wie etwa dem Kreuz -, um sich zugleich wieder in offene Bewegungen aufzulösen. Begleitet und akzentuiert wurde die Performance darüber hinaus von einem Trio mit neuer Musik. Bereits 2010 hatten beide ihre Lichtperformance zu der in Frankfurt am Main stattfindenden Luminale vorgeführt, eine erneute Einladung 2012 konnte nicht mehr realisiert werden.

Wofür stehen die Lichtzeichen, die Franz Betz gestaltet? Wenn er abstrakt-expressive Lichtzeichen in Drahtkäfigen einschließt, wie beispielsweise in den „die vermessung der lichtlinie“ betitelten Arbeiten, entsteht ein Dialog zwischen Begrenzung, Grenzziehung und deren Überschreitung; Dialoge, die den Betrachter einbeziehen; sie können um die Vorstellung von Freiheit kreisen, eine Vorstellung, die sich an der Sichtbarkeit von Grenzen reibt. Es zeigt sich hier und in den anderen angesprochenen künstlerischen Arbeiten, dass es dem Lichtbildhauer um eine künstlerische Sprache des Lichts geht, er ihre Dimensionen ausloten, unbekannte Räume aufspüren möchte. Franz Betz hat sich auf den Weg gemacht, entdeckt neue Passagen und Räume und lässt uns an seinen Entdeckungen teilhaben.

Peter Rautmann

Hannover, den 11. 10. 2013

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