Schlagwörter

,

Schwarmkunst-Aktion soll helfen, sich an die Menschen zu erinnern
VON MICHAEL GRUNDMEIER

Bückeburg. Ein einsames Paar
Holzschuhe. Mitten auf dem
Marktplatz. „Hat die jemand
vergessen?“, zeigt sich ein Tourist
irritiert. Seine Frau schüttelt
ratlos den Kopf. „Da hängt
doch ein Schild dran, das ist
was anderes.“ Obwohl: Ganz
unrecht haben die beiden eigentlich
nicht …
Vergessen? Ja, um das Vergessen
geht es tatsächlich bei
dieser Kunstaktion, die im Rahmen
der Eröffnung der Ausstellung
„Bückeburg unterm Hakenkreuz“
stattgefunden hat.
Nur, dass nicht die Schuhe,
sondern der Träger vergessen
wurde. In Bückeburg. Von Bückeburgern.
Neun Paar Schuhe
hat der Künstler Franz Betz
(Hannover) aufgestellt – ein
Paar „gehört“ Boleslaw Soltys,
einem Zwangsarbeiter, der von
Mai 1941 bis vermutlich
Kriegsende für die Deutschen
schuften musste.
Schuhe, Schmutz und Fußspuren
– das war das Leitmotiv
der Aktion, die Künstler Franz
Betz am Rande der Eröffnung
der Ausstellung „Bückeburg
unterm Hakenkreuz“ durchführte.
In Bückeburg, Bad Eilsen
und Helpsen stellte Betz alte
Schuhpaare auf – immer mit
dabei, die in Bad Eilsen geborene
Tochter einer Zwangsarbeiterin,
Joanna Szukala. „Sie hat
in Bad Eilsen die Schuhe ihrer
Mutter aufgestellt – das war für
sie und für uns alle ein bewegender
Moment“, sagt Constanze
Wolk, Kuratorin der Ausstellung
„Bückeburg unterm
Hakenkreuz“. Frau Szukala
selbst hatte deutlich große
Freude an der Kunstaktion auf
dem Bückeburger Marktplatz.
Immer wieder sprach sie mit
Jugendlichen der Oberschule,
„diese Jugendlichen sind so engagiert,
es ist großartig, was
hier passiert“, gibt die Polin zu
verstehen. Über die Einladung
zu der Ausstellung und über die
Ausstellung selbst habe sie sich
sehr gefreut. Wichtig sei ihr,
sagt Szukala, dass an das, was
damals auch ihrer Mutter, einer
Zwangsarbeiterin, die in Bad
Eilsen eingesetzt war, erinnert
werde.
Dass Erinnerung kein anstrengender
Prozess sein muss,
sondern viel Spaß machen
kann, zeigte die sogenannte
Schwarmkunst-Aktion, die das
Anbringen der Schuhpaare und
das Freilegen der Fußabdrücke
mittels „reverse graffiti“ beinhaltete.
„Reverse graffiti“? Ist
eigentlich wie ein „Graffiti“ –
nur umgekehrt. Statt Farbe aufzutragen,
wird mit Wasser der
Schmutz weggespült – hält man
eine Schablone an, wird im Zusammenspiel
von behandelten
und unbehandelten Flächen ein
Muster freigelegt. „Wir wollen
auf diese Weise Bückeburg von
Schmutz, Überdeckungen und
Verkrustungen befreien“, sagt
Franz Betz, Künstler aus Hannover.
Die Zwangsarbeit sei in
ganz Deutschland totgeschwiegen
worden, ergänzt Jacob Venuss
von der Projektgruppe
„Zwangsarbeit“. Über die Jahre
hätten sich durch das Schweigen
Verkrustungen gebildet, die
an diesem Morgen aufgelöst
werden sollten.
Einen (Hinter)Sinn hat auch
das große „X“, das die einzelnen
Spuren miteinander verbindet.
Zum einen steht es für
das Unbekannte, in das die
Zwangsarbeiter geworfen waren,
auf der anderen Seite aber
auch für die stark eingeschränkte
Bewegungsfreiheit,
ihre „Fesseln“.

Quelle: 140528_LZ_ Ausgebeutet bis zum Tod

Advertisements